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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG: DATA ANALYTICS INSTITUTE

Tiefgang

Wenn der Bund nicht liefert: Private gründen eigenes Dateninstitut

Was der Bund nicht liefert, will eine Gruppe an Einzelpersonen eigenständig

umsetzen: ein Dateninstitut. Das „Data Analytics Institute“ (Dai) soll zu einer unabhängigen

Stelle für Datenfragen werden. „Unser Ziel ist es, die Wirtschaft dazu zu bringen, den

ökonomischen Wert von Daten zu heben“, sagte Vorstand und Geschäftsführer Michael

Herter. „Wenn der Bund es schon nicht hinbekommt, dann müssen wir es als Wirtschaft,

Wissenschaft und Politik versuchen.“

Das neu gegründete Institut will private mit öffentlichen Daten kombinieren

und diese Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zur Verfügung stellen. So soll eine

strukturierte Austauschplattform zwischen Wirtschaft und Wissenschaft geschaffen

werden. Ein Projekt mit dem Statistischen Bundesamt zur Analyse von Mobilitätsdaten sei

schon angelaufen.

Der Fokus liege nicht nur auf offenen Daten, Kunden müssten je nach Nutzen für

die Daten bezahlen. Herters Leitfrage: „Wie kann man einen Marketplace für Daten von

Dritten schaffen, wo Informationen als Mehrwerte datenschutzkonform kommerziell oder

frei verfügbar gehandelt werden?“Herter arbeitete zuvor bei dem Marktforschungsinstitut infas 360, das er für die

eigene Initiative einvernehmlich verlassen hat. Hinter der Gründung des Instituts stehen

insgesamt sechs Personen. Teilweise waren sie an den Aufbauarbeiten für das

Dateninstitut des Bundes beteiligt, die von der neuen Regierung bisher nicht wirklich

weitergeführt werden. Gegründet hat sich das private Dateninstitut schon im Februar, seit

Anfang Juli ist es operativ tätig.

Die private Initiative will letztlich im Kleinen das machen, was das

Bundesdateninstitut im Großen vorhatte: Daten auf einer Plattform verfügbar machen,

ökonomisieren und kombinieren. „Wir verfolgen im Prinzip die Grundidee des

Bundesdateninstituts, aber wir haben nicht den Anspruch, ein bundesweites Dateninstitut

zu werden“, sagte Göran Kauermann, Professor für Statistik an der LMU München und Teil

der Initiative. „Das ist Aufgabe des Bundes und nicht der freien Wirtschaft.“

Gemeinsam mit Ursula Berger, Wissenschaftlerin für Biostatistik und Epidemiologie

an der LMU München, und Björn Schmidt, Rechtsanwalt für Datenschutz und Lizenzrecht,

hat sich Kauermann beim Aufbau des Bundesdateninstituts bei einem Modul zu Covid-

Daten eingebracht. Anhand dieses Anwendungsbereichs wollte der Bund lernen, was es

eigentlich braucht, bevor er eine neue Institution gründet. Ein zweites Modul betraf

Energiedaten.

Das dritte Modul im Aufbauprozess des Bundes betrifft die Gründung der

Institution. Doch so weit kam es nie. In der vergangenen Legislatur waren das Innen- und

das Wirtschaftsministerium zuständig. Mit Verweis auf die vorläufige Haushaltsführung

haben sie die Arbeiten am Aufbau derzeit eingestellt (SZ Dossier berichtete). Im

Koalitionsvertrag findet sich das Vorhaben auch nicht mehr.Durch den Organisationserlass ist nun das Digitalministerium (BMDS) für den

Aufbau des Dateninstituts zuständig. Auf Anfrage von SZ Dossier verweist ein Sprecher

des Ressorts auf die vorläufige Haushaltsführung für 2025. Erst mit der Verabschiedung

des Haushaltes werde das BMDS über die Fortführung des Verfahrens entscheiden, so

der Sprecher.

Beim Modul zu Covid-Daten hat sich die Technologiestiftung Berlin mit einem

Konzept durchgesetzt. Das damals entwickelte Datenmodell von Kauermann und seinen

Mitstreitern ist heute eine der Grundlagen für das private Dateninstitut. Es gehe um ein

„sektorübergreifendes multidimensionales Datenmodell“, um branchenübergreifend und

datenschutzkonform Daten zu teilen, sagte Kauermann.

Weitere Gründungsmitglieder sind Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung

Klimaneutralität, sowie Özlem Doger-Herter, die im Vorstand der German Data Science

Society ist.„Die Idee und die Daten sollten im Vordergrund stehen und nicht die Infrastruktur.“

Michael Herter

Vorstand und Geschäftsführer des privaten Dateninstituts „Data Analytics Institute“

Begrüßt wird die Initiative für ein privates Institut unter anderem von Andreas

Peichl, Leiter des ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen. Er war Mitglied

der Gründungskommission für das Bundesdateninstitut. Peichl findet es gut, dass es eine

„klare Vision zur Einbindung von Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung“ gebe, sagte er

SZ Dossier.

Das bisherige Scheitern eines bundesweiten Dateninstituts führt Peichl auf einen

„komplizierten, bürokratischen Prozess in Kombination mit einer fehlenden Vision“ zurück.

Grundsätzlich würde Geschäftsführer Michael Herter ein Dateninstitut des Bundes

begrüßen. Wobei er den gewählten Ansatz für kritisch hält. Mit der Datenwirtschaft sei

„überhaupt nicht gesprochen“ worden. Die bisher verfolgten Ideen seien „ein reines

Konstrukt“, sagte er. „Die Idee und die Daten sollten im Vordergrund stehen und nicht die

Infrastruktur.“Auch deshalb habe man sich nicht auf die Ausschreibung des Bundes für das dritte

Modul zur Gründung eines Dateninstituts beworben. „Die Anforderungen und damit das

rechtliche und wirtschaftliche Risiko waren zu hoch“, sagte Herter. Ihm hat der Start-up-

Gedanke dabei gefehlt.

Von der Bundesregierung fordert Herter eine Datenstrategie, die Datenlücken

zielgerichtet schließt. „Die Bundespolitik muss sich mit der Frage auseinandersetzen,

was überhaupt wichtige Daten sind“, sagte Herter. Und Datensilos auflösen und sie

miteinander verknüpfen.

Stefan Heumann, Geschäftsführer der Agora Digitale Transformation und ebenfalls

Mitglied der Gründungskommission für das Dateninstitut des Bundes, will zwar keine

Bewertung der konkreten Initiative abgeben, begrüßt aber, dass es Bewegung gibt.

„Gerade in der Anfangsphase wurde darüber diskutiert, dass der einfachste

und schnellste Weg eine unabhängige Gründung wäre“, sagte Heumann. Diese

könnte der Bund oder andere öffentliche Institutionen durch Aufträge und Förderung bei

der Skalierung helfen. Heumann hält diesen privatwirtschaftlichen Ansatz für die beste

Option B, falls es der Bund nicht hinbekommen sollte.

Dabei sei aber eine öffentliche Förderung aus seiner Sicht entscheidend, denn „nur

so kann die Zielstellung erreicht werden, dass Projektergebnisse und damit verknüpftes

Wissen kostenfrei zur Nachnutzung zur Verfügung gestellt werden können“. Auch mehrere

private Gründungen seien möglich.Mittelfristig werden aus seiner Sicht nur Institute bestehen können, die sich über

einen Bedarf aus der Industrie finanzieren oder gesellschaftlich relevante Projekte

erfolgreich umsetzen und sich so für öffentliche Finanzierung qualifizieren.

So oder so sei der Bedarf nach entsprechenden Stellen weiterhin da, sagte

Heumann – auch in Richtung der Bundesregierung.

von Bastian Mühling

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