
Von Özlem Doger-Herter
Es gibt Pitch-Formate, die informieren. Und dann gibt es die Founders Fight Night — ein Format, das mitreißt, überrascht und das Publikum in echte Mitentscheider verwandelt. Am 27. August 2025 durfte ich auf dem Bonner Bogen als Jurorin erleben, was passiert, wenn Gründerenergie auf Showcharakter trifft.
Das Startup Open Air des DIGITALHUB Bonn war einmal mehr der perfekte Rahmen: Sommerabend, offene Atmosphäre, ein Publikum, das nicht nur zuschauen wollte, sondern das auch nicht musste. Denn bei der Founders Fight Night entscheidet der Markt — und der Markt, das sind die Menschen im Saal.
Kein Deck. Kein Netz. Nur Überzeugungskraft.
Das Konzept ist so simpel wie brutal: Keine Slides, kein Präsentationsscreen, keine vorbereiteten Visualisierungen. Zwei Startups stehen sich gegenüber, pitchen gegeneinander — und das Publikum stimmt ab, wer weiterkommt. Battle Rap trifft Elevator Pitch. Wer glaubt, das klingt nach reiner Unterhaltung, unterschätzt, wie viel Substanz sich unter diesem Format verbirgt.
Denn gerade weil die visuelle Krücke fehlt, muss die Idee für sich stehen. Das Produkt, das Problem, die Vision — alles muss in Sprache übersetzbar sein, ohne Ablenkung. Für mich als Jurorin war das eine der aufschlussreichsten Erfahrungen der letzten Monate: Welche Gründerinnen und Gründer wissen wirklich, wovon sie reden — und wer hat die Folie auswendig gelernt?
Ein Feld, das Lust auf Zukunft macht
Zwölf Startups gingen in diesem Jahr in den Ring. Die Bandbreite war beeindruckend und spiegelte wider, wo der deutsche Gründergeist gerade steht: von Deep-Tech-Lösungen für klimaresiliente Landwirtschaft (CINSOIL) über FemTech gegen Menstruationsschmerzen (FEMI-ON) bis hin zu KI-gestütztem Wissenstransfer (KUMO / Brainbride), psychotherapeutischer Skalierung (LUCOYO HEALTH) und KI-Überwachung für Cybersicherheit (MATVIS).
Besonders bemerkenswert: Gleich mehrere Teams adressierten Themen, die mich auch in meiner Arbeit rund um Daten, KI und digitale Souveränität täglich beschäftigen. MONTSECURE etwa macht 5G-Netzsicherheit zugänglich — mit über einem Jahrzehnt Erfahrung und nachgewiesenen GSMA Security Disclosures. REDMIMICRY emuliert reale Cyberangriffe in Produktionsumgebungen, damit Sicherheitsteams ihre Abwehr tatsächlich testen können, bevor der Ernstfall eintritt. Und VALUTIS TECHNOLOGIES verspricht, die Ära der Ransomware zu beenden — mit Air-Gap-Sicherheit in Echtzeit. Mutige Ansagen. Aber in diesem Format gibt es keinen Ort, sich hinter Buzzwords zu verstecken.
Auf der anderen Seite standen Lösungen, die gesellschaftlich genauso relevant sind: SYNCSULIN nutzt Machine Learning, um Menschen mit Typ-1-Diabetes bessere Therapiesteuerung zu ermöglichen. SACRED VALLEY TECH bringt Digital Product Passports in die Modewelt — und macht damit nachhaltige Kaufentscheidungen datenbasiert praktikabel. SKULIO entlastet Lehrkräfte durch KI-generierte, differenzierte Arbeitsblätter. Und PIVIO setzt spezialisierte KI-Agenten für Tiergesundheit ein — ein Nischenmarkt mit echter Dringlichkeit.
Die Jury fragt nach — und das ist der Punkt
Als Teil einer vielköpfigen Jury — darunter Vertreterinnen und Vertreter von NRW.BANK, High-Tech Gründerfonds, Spotlight! Ventures, dem NRW-Wirtschaftsministerium, der Techniker Krankenkasse und weiteren — war meine Aufgabe nicht, nett zu nicken. Die sogenannten „Haymaker Questions” sind bewusst darauf ausgelegt, die Argumente der Startups unter Druck zu setzen. Nicht um zu demontieren, sondern um zu testen, was trägt.
Und das ist es, was ich an diesem Format schätze: Es simuliert echte Marktdynamik. Kein Investor fragt im echten Leben: „Könnten Sie das bitte noch einmal auf Folie 14 zeigen?” Wer überzeugt, überzeugt durch Klarheit, Haltung und die Fähigkeit, unter Druck präzise zu bleiben.
Bonn als Startup-Ökosystem — eine echte Größe
Was mich an diesem Abend ebenso beeindruckt hat wie die Startups selbst: das Ökosystem, das sich hier sichtbar macht. DIGITALHUB Bonn hat mit seinen Accelerator-Programmen HUBGRADE INVEST, HUBGRADE CYBER und HUBGRADE HEALTH über Jahre eine Infrastruktur aufgebaut, die Gründerinnen und Gründer nicht nur beherbergt, sondern aktiv entwickelt. Dahinter steckt konsequente Aufbauarbeit — und ein Team, das liefert.
Ein besonderer Dank gilt Dr. Jörg Haas, der als Mitglied des Aufsichtsrats und Gründer der HW PARTNERS AG seit den frühen Tagen des Hubs zu dessen Entstehung und strategischer Ausrichtung beigetragen hat. Ohne solche Persönlichkeiten, die frühzeitig in Ökosysteme investieren — nicht nur finanziell, sondern mit Haltung und Netzwerk — entstehen keine tragfähigen Strukturen. Unter der Führung von Vorstand Sven Wittich und dem gesamten Hub-Team rund um Accelerator, Community, Events und Marketing ist daraus heute eine Institution geworden, die weit über Bonn hinaus ausstrahlt.
Partner wie die Sparkasse Köln/Bonn, die NRW.BANK, der Rhein-Sieg-Kreis, enacom der Uni Bonn und Telekom Techboost zeigen: Hier entsteht gerade ernsthaft etwas.
Als jemand, die in Bonn lebt und arbeitet — und selbst als Ambassador des DIGITALHUB Bonn Teil dieser Gemeinschaft ist — war dieser Abend auch eine Erinnerung daran, wie viel Innovation direkt vor der eigenen Haustür passiert. Und wie wichtig es ist, diese Sichtbarkeit aktiv herzustellen.
Fazit: Ein Format, das bleibt
Die Founders Fight Night ist kein Gimmick. Sie ist ein Spiegel. Wer hier besteht, hat nicht nur ein gutes Produkt — der kann auch kommunizieren, unter Druck denken und ein Publikum in echte Mitentscheider verwandeln. Das ist eine Kompetenz, die in keiner Pitch-Schulung gelehrt wird, aber über den Erfolg von Startups mitentscheidet.
Ich freue mich auf die nächste Runde — und auf die Gründerinnen und Gründer, die dann in den Ring steigen.
Özlem Doger-Herter ist Chefredakteurin des Data Spaces Magazine, Stanford WiDS NRW Ambassador und IT-Frau des Jahres 2023. Sie schreibt und berät an der Schnittstelle von Daten, KI und europäischer Digitalstrategie.
